Vor 150 Jahren: „Lehrjahre der Demokratie“

Am 12. Februar 1867 wurden im Norddeutschen Bund alle deutschen Männer ab 25 Jahren erstmals zu den allgemeinen Wahlen zum Reichstag aufgerufen, der am 24. Februar zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkam. Was uns heute als große Einschränkung zu wirklich allgemeinen Wahlen vorkommt – nur Männer ab 25 Jahre – konnte sich im internationalen Vergleich damals durchaus sehen lassen. Nach der amerikanischen Historikerin Margaret Anderson, die sich in der Forschung um die demokratischen Anfänge im deutschen Kaiserreich mit ihrem Buch „Lehrjahre der Demokratie“ einen Namen gemacht hat, hatten in Europa vor 150 Jahren lediglich Frankreich und Griechenland ein ähnlich weitgehendes Wahlrecht, während z. B. Großbritannien immerhin noch 1911 nur einem geschätzten Anteil von 59 Prozent der männlichen Erwachsenen die Wahl ermöglichte, sich erbliche Mitgliedschaften im House of Lords leistete und jeweils bis zu 30 Extrastimmen für 200.000 bis 600.000 Wohlhabende schützte.

Für Interessierte an deutscher Demokratiegeschichte ist das erwähnte Buch von Anderson ein unerschöpflicher Fundus an Anekdoten aus den Quellenstudien. Manchmal mag man schmunzeln über die Anfänge des sich erst ausbildenden Demokratieverständnisses. So wird berichtet, dass viele Dörfer einvernehmlich und geschlossen für eine Partei gestimmt haben – das lokale Zusammengehörigkeitsgefühl war wichtiger als eine individuelle Bewertung politischer Inhalte. Andererseits – sind wir heute so viel weiter, wo die überwiegende Anzahl der Wähler ihre Entscheidung immer noch vor allem an einem Mainstream ausrichtet und davon Abweichende nicht etwa Interesse für ihre inhaltlichen Gründe oder wenigstens Respekt vor der anderen Meinung erfahren, sondern nicht selten sehr persönliche Ablehnung bis hin zur Diffamierung, weil sie einer von diesem Hauptstrom abweichenden Gruppe zugeordnet werden, der allein deswegen unreflektiert Böses unterstellt wird?

Foto: Sitzung des konstituierenden Reichstags am 24. Februar 1867, Foto Wikipedia, gemeinfrei